Merseburger Zaubersprüche im Kapitelhaus
Die im Jahr 1841 in der Merseburger Domstiftsbibliothek entdeckte Handschrift aus dem 10. Jahrhundert gilt als einziges erhaltenes Zeugnis germanisch-heidnischer Religiosität in althochdeutscher Sprache.
Ihren
Namen verdanken die Merseburger Zaubersprüche ihrem Fundort Merseburg, wo die
beiden kurzen Schriftstücke mit magischem Formelinhalt (zur Befreiung von
Gefangenen und zur Pferdeheilung) heute im Kapitelhaus des Doms zu bewundern
sind.
Erster Spruch
Einst saßen Idisi, saßen auf den Kriegerscharen. Einige fesselten einen Gefangenen, einige hemmten die Heere. Einige zertrennten ringsherum die scharfen Fesseln. Entspringe den Fesseln, entfahre den Feinden.
Zeiter Spruch
Phol und Wodan begaben sich in den Wald. Da wurden dem Fohlen Balders der Fuß eingerenkt. Da besangen ihn (das Fohlen) Sinthgunt und Sunna, ihre Schwester. Da besangen ihn (das Fohlen) Friia und Volla, ihre Schwester. Da besang ihn Wodan, wie er es gut verstand: Wenn Knochenrenkung, wenn Blutrenkung, wenn Gelenkrenkung: Knochen zu Knochen, Blut zu Blut, Glied zu Glied! So seien sie zusammengefügt. (Wolfgang Beck 2003)