Der Rabe und sein Käfig
Der im Vorhof des Merseburger Schlosses stehende steinerne Käfig mit dem schwarzen Kolkraben erinnert noch heute an eine alte, ins 15. Jahrhundert datierte, Sage um einen diebischen Vogel und ein schicksalhaftes Fehlurteil.
Die älteste überlieferte Sage des Merseburger Stadtschreibers Georg Möbius (1668) geht zurück auf Bischof Thilo von Trotha (1466-1514), dessen rege Bautätigkeit in Merseburg durch sein an vielen öffentlichen Gebäuden der Stadt auftauchendem Wappen bezeugt ist.
Der Sage nach ließ Thilo von Trotha einen wertvollen Siegelring am offenen Fenster unbeaufsichtigt zurück. Nachdem er das Fehlen des Ringes bemerkt hatte, beschuldigte er seinen Diener des Diebstahls und ließ diesen, trotz vehementer Unschuldsbezeugungen, hinrichten. Als einige Zeit später der Ring in einem Rabennest wiedergefunden wurde, war die Unschuld des Dieners bewiesen. Als Mahnung für die Menschen, sich niemals im Jähzorn ein verfrühtes Urteil zu bilden, büßt seither ein Rabe im Schlosshof für die schlimme Tat.
Auch erscheint ein schwarzer Rabe mit einem goldenen Ring im Schnabel im Wappen der Familie von Trotha, doch ist dieses Wappen bereits für das 14. Jahrhundert nachgewiesen und kann somit nicht, wie laut Möbius, auf Thilo von Trotha und die Rabensage zurückgehen.
Noch heute kann der Besucher des Merseburger Schlosses den Kolkraben in seinem steinernen Gefängnis anschauen, doch wurde ihm seit 2006, nach Tierschutzverordnungen, ein Weibchen zur Seite gestellt und der Käfig um eine große Vogelvoliere erweitert.